Globale Wertschöpfungsketten: Schwächelt der Motor der Weltwirtschaft?

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Globale Arbeitsteilung hat weltweit Wohlstandsgewinne ermöglicht. Die Verflechtung globaler Wertschöpfungsketten scheint jedoch an Fahrt zu verlieren. Problematische Ursachen hierfür sind der weltweit um sich greifende Protektionismus und Nationalismus. Zugleich befeuert Digitalisierung positive Strukturänderungen im Handel. Umso wichtiger ist es, dass sich Europäische Kommission und Bundesregierung an beiden Fronten für moderne und faire Rahmenbedingungen einsetzen.

Volkswirtschaften sind heute über Investitionen, Wissensaustausch und Arbeitsteilung eng miteinander verzahnt. Produktionsprozesse erstrecken sich über Landesgrenzen hinweg; häufig sind die Fertigungsschritte auf viele Unternehmen und mehrere Länder verteilt. Durch globale Wertschöpfungsketten können die Stärken der unterschiedlichen Standorte optimal genutzt und Effizienzgewinne realisiert werden. So kann produktiver und oft nachhaltiger gewirtschaftet werden.

Wohlstand durch internationale Verflechtung

Vorbedingung für die Globalisierung der Wertschöpfungsketten war die Öffnung vieler Ländergrenzen für Handel und Investitionen, die mit dem Fall des Eisernen Vorhangs an Fahrt aufgenommen hatte. In der Folge hat sich die weltweite Wirtschaftsleistung zwischen 1990 und 2018 knapp vervierfacht (Faktor 3,7), obwohl die Weltbevölkerung mit einem Faktor von 1,4 deutlich langsamer gewachsen ist. Die globalen Handelsströme haben im selben Zeitraum überproportional um den Faktor sechs zugelegt. Noch deutlicher wird das Ausmaß der grenzüberschreitenden wirtschaftlichen Kooperation beim Blick auf die Auslandsinvestitionen: Hier haben die Bestände seit 1990 sogar um den Faktor 14 zugelegt (UNCTAD).

Über Lieferantennetzwerke, Auslandsniederlassungen vor Ort und Joint Ventures beziehen global agierende Industrieunternehmen ihre Kooperationspartner aus aller Welt in ihre Produktion mit ein. Der strukturelle Wandel in der Weltwirtschaft hat dazu beigetragen, dass im Zuge der Globalisierung Millionen von Menschen in die industrielle Wertschöpfung einbezogen und aus der Armut befreit werden konnten. Der Anteil der in extremer Armut lebenden Menschen hat sich laut Weltbank von 36 Prozent (1990) auf zehn Prozent (2015) verringert.

Auch Deutschland ist ein klarer Globalisierungsgewinner: Laut WTO finden 43 Prozent der deutschen Netto-Exporte durch die Einbettung in globalen Wertschöpfungsketten statt.  Die WTO kommt in ihrem Global Value Chain Development Report 2019 zudem zu dem Schluss, dass Deutschland neben den USA und zunehmend China eines der drei wichtigsten Zentren globaler Wertschöpfungsketten ist. Der Erfolg der deutschen Industrie beruht also in weiten Teilen auf der Offenheit unserer Volkswirtschaft und der tiefen Integration der deutschen Industrie in internationale Wertschöpfungsketten. Ein wichtiger Grund ist, dass internationale Zuliefer- und Produktionsnetzwerke relevanter werden, je technologisch komplexer Produkte sind. Und deutsche Wertschöpfung findet insbesondere in diesen technologieintensiven Wirtschaftsbereichen statt.

De-Globalisierungstendenzen seit 2008

Allerdings scheint die Globalisierung der Wertschöpfungsketten an Fahrt zu verlieren. Als einfacher Indikator dient hier das Verhältnis von Güterhandel zu Welt-BIP, da ersterer zu großen Teilen aus dem Handel von Zwischenprodukten besteht (nach Angaben der WTO finden etwa zwei Drittel des Welthandels innerhalb von globalen Wertschöpfungsketten statt). Dieser Indikator stieg zwischen 1970 und 1990 moderat von 19 Prozent auf 30 Prozent und anschließend steil auf 51 Prozent im Jahr 2008. Seitdem ist der Trend leicht fallend, 2018 stand er bei nur noch 46 Prozent.

Ursache 1: Strukturelle und technologische Trends

Dies hat zum einen ökonomisch unproblematische Ursachen, wie etwa die relative Zunahme von strukturell weniger handelsintensiven Dienstleistungen gegenüber klassisch-industrieller Produktionswertschöpfung im BIP. Ein weiterer ökonomisch, sogar begrüßenswerter Trend ergibt sich aus der zunehmenden Digitalisierung der industriellen Produktion. In vielen Industrien fördern neue Technologien, wie etwa 3D-Druck oder selektives Laserschmelzen (SLM), eine Relokalisierung von Produktionsschritten. Zugleich erleichtert Digitalisierung jedoch die Koordination in globalen Wertschöpfungsketten, was Arbeitsteilung grundsätzlich attraktiver macht. Der Netto-Effekt der technologischen Entwicklungen auf globale Wertschöpfungsketten ist daher offen. 

Ursache 2: Mehr Wertschöpfung in aufstrebenden Schwellenländern

Ein weiterer Faktor ist die technologische Entwicklung in großen Schwellenländern. Insbesondere China wird technologisch unabhängiger und stellt Hightech-Inputs zunehmend selbst her anstatt sie zu importieren. Zugleich rückt China auch bei technologieintensiveren Wertschöpfungsschritten in zuvor von traditionellen Industrieländern dominierte Bereiche auf. Weltwirtschaftlich ist dies eine positive Entwicklung. Je mehr sich China jedoch dem technologischen Niveau Europas annähert, desto intensiver wird die Konkurrenz deutscher und chinesischer Firmen auf dem Weltmarkt. 

Ursache 3: Protektionismus und Nationalismus

Es stecken jedoch auch ökonomisch schädliche Entwicklungen hinter dem Rückgang der Integration weltweiter Wertschöpfungsketten – und diese sind politisch verursacht. Die Außenwirtschaftspolitik der US-Regierung unter Präsident Donald Trump ist nur ein Teilaspekt eines weltweiten Trends zu Protektionismus und wirtschaftlichem Nationalismus. So wurden von WTO-Mitgliedern nach WTO-Daten zwischen Oktober 2008 und Mai 2019 mindestens 1594 neue handelsbeschränkende Maßnahmen (etwa Zollerhöhungen oder Importverbote) erlassen. Diese wirken wie Sand im Getriebe: Wegen bürokratischer Hürden bestellen Unternehmen ihre Zulieferprodukte nicht mehr beim effizientesten Unternehmen. In der Summe führt dies dazu, dass signifikante Wohlstandsgewinne durch Handelsverzerrungen verloren gehen. Auch die Innovationskraft leidet, denn sie ist oft das Ergebnis davon, dass die weltweit besten Köpfe miteinander wetteifern und kooperieren.

Globale Wertschöpfungsketten fordern Politik heraus

Veränderungen der grenzüberschreitenden Produktionsnetzwerke und Lieferketten sind also nicht zwangsläufig eine Gefahr für den globalen Erfolg der deutschen Wirtschaft. Die Unternehmen der deutschen Industrie haben ihre Fähigkeit zur Anpassung an die Rahmenbedingungen der Weltwirtschaft schon vielfach unter Beweis gestellt. Eine große Gefahr stellt allerdings der weltweite Trend zum Protektionismus dar. Die deutsche Industrie ist global wettbewerbsfähig, benötigt aber den fairen und offenen Zugang zu Auslandsmärkten. Dies ist Grundvoraussetzung, sowohl um im Export ihre Wettbewerbsfähigkeit unter Beweis stellen zu können, als auch um im Import durch weltweite Produktionsnetzwerke innovativ und anpassungsfähig zu bleiben. Die Bundesregierung und die neue Europäische Kommission müssen in den nächsten Monaten alles daransetzen, gegen Protektionismus vorzugehen. Dringend notwendig ist die Reform der WTO sowie der Abschluss neuer Freihandels- und Investitionsabkommen. 

Zudem braucht es unbürokratische Rahmenbedingungen, damit die deutsche Industrie bei der Implementierung von Zukunftstechnologien, wie etwa dem 3D-Druck, vorangehen kann. Hierzu zählen insbesondere praxistaugliche rechtliche Rahmenbedingungen für internationalen Datentransfer und massive Investitionen in den Ausbau der digitalen Infrastruktur.