
"Europa ist lange nicht am Ziel"
Was treibt Sie persönlich an, sich als Europaabgeordnete zu engagieren?
Europa ist mein Zuhause. Mein Großvater kam in den 1960er Jahren als Gastarbeiter aus Süditalien nach Deutschland. 1990 geboren kenne ich nur ein vereintes Deutschland in einem starken Europa – es wirkt selbstverständlich. Allerdings haben die letzten Jahre deutlich gezeigt, dass das nicht so ist. Für mich ist wichtig, unsere Idee von Europa zu schützen, zu erhalten und gleichzeitig weiterzuentwickeln. Denn Europa ist lange nicht am Ziel.
Was sind Ihrer Ansicht nach die größten Herausforderungen, denen sich europäische Unternehmen in den kommenden Jahren stellen müssen?
Die gesamte europäische Industrie steht vor einem Wandel. Was wir hier als europäische Gesetzgeber und Gesetzgerberinnen gewährleisten müssen, sind klare Gesetze mit klaren Vorgaben – nur so können Unternehmen ihre Investitionen mit Planungssicherheit tätigen. Um eine wirksame Wirtschafts- und Industriepolitik zu betreiben, ist es notwendig, dass wir in der Lage sind, auf europäischer Ebene strategisch kluge Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig müssen wir die Bürokratie möglichst verringern, um Planungsprozesse zu beschleunigen und Raum für Innovation und Unternehmertum zu schaffen, ohne Sozialstandards zu senken. Wettbewerbsfähigkeit darf nicht auf Kosten des sozialen Zusammenhalts gehen. Zur Zeit wird die europäische Industriepolitik hauptsächlich durch eine Ad-hoc-Kontrolle nationaler Beihilfen bestimmt. Wir müssen die Qualität der EU-Vorschriften erhöhen. Ich werde mich weiterhin für eine Vereinfachung von Hindernissen für Investitionen einsetzen, wie z. B. langwierige Einstellungsverfahren von ausländischen Fachkräften. Um unsere Wirtschaft zukunftsfähig zu machen, brauchen wir ausreichend viele Arbeitskräfte auf allen Qualifikationsebenen. Wir müssen deshalb das Potenzial inländischer und ausländischer Fachkräfte besser nutzen und in Weiterbildung investieren. Gut ausgebildete und fair entlohnte, hochproduktive Beschäftigte sind der Kern des zukünftigen Wachstumsmodells.
How to #PowerUpEurope: Wie möchten Sie Europa mit Ihrer Arbeit im Verkehrsausschuss konkret wieder zu einem attraktiven und starken Wirtschaftsstandort machen?
Der Slogan des BDI #PowerUpEurope passt sehr gut zu unseren Ambitionen für eine nachhaltige Mobilität. Ein gutes Beispiel ist hier die EU-Ladesäulenverordnung (AFIR), die wir letztes Jahr mit großer Mehrheit im EU-Parlament verabschiedet haben. Für den schnellen Übergang zu einem klimaneutralen Europa und um Bedenken und Lade-Angst zu zerstreuen, wird dieses Gesetz die Bereitstellung von Schnell-Ladestationen in regelmäßigen Abständen von 60 Kilometern auf Autobahnen und Bundesstraßen bis 2025 sicherstellen. Für Lkw und Busse wird eine Ladestation alle 120 Kilometer vorgeschrieben. Auch für die Elektro- und Wasserstoff-Ladeinfrastruktur für Lkw konnten wir ehrgeizige Ziele durchsetzen. Damit verbunden ist der Ausbau der Schieneninfrastruktur und die Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene. Dies würde zu weniger Staus, Verkehrsunfällen und zu mehr Planungssicherheit führen. Durch die gezielte Förderung von emissionsarmen Verkehrsmitteln wird der Wirtschaftsstandort Europa grundsätzlich attraktiver für Unternehmen, die nach nachhaltigen Logistiklösungen suchen.
