Containerhafen China
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De-Risking statt Entkopplung: Europa muss der Balanceakt gelingen

China bleibt für viele deutsche Industrieunternehmen ein wichtiger Markt, Produktionsstandort und Innovationspartner. Zugleich hat sich der Wettbewerb grundlegend verändert. Staatlich geförderte Überkapazitäten, verzerrte Marktbedingungen und strategisch eingesetzte Exportkontrollen setzen Europas Industrie unter wachsenden Druck. Die richtige Antwort darauf ist weder wirtschaftliche Entkopplung noch ein Weiter-so, sondern ein konsequentes europäisches De-Risking aus einer Position der Stärke.

Der zweite China-Schock trifft Europas industriellen Kern

Der erste „China-Schock“ war vor allem durch den Aufstieg des Landes zum globalen Produktionsstandort für Produkte wie Textilien, Möbel und Spielzeuge geprägt. Während unter dem ersten „China-Schock“ vor allem Industriearbeitsplätze in den USA litten, trifft dieser „Shock“ Deutschlands Wirtschaft ins Mark: Hochinnovative chinesische Unternehmen haben technologisch deutlich aufgeholt und konkurrieren zunehmend in Branchen, in denen Deutschland und Europa traditionell besonders leistungsfähig sind – etwa in der Automobilindustrie, im Maschinenbau, in der Elektrotechnik sowie in der Chemie- und Stahlindustrie. Auch in Zukunftsfeldern wie der Batterietechnologie, den erneuerbaren Energien, Künstliche Intelligenz, Robotik und der Biotechnologie wächst der Wettbewerbsdruck stetig. In einigen Industrie- und Technologiebereichen hat China bereits eine globale Führungsrolle eingenommen. Der zweite Chinaschock beruht zu einem erheblichen Teil auf echten Wettbewerbsstärken Chinas (und Schwächen Europas).

Gleichzeitig fallen aber auch Marktverzerrungen durch Chinas parteistaatlich gelenktes hybrides Wirtschaftsmodell immer deutlicher ins Gewicht. Seit etwa 2021 entstand zwischen den Produzentenpreisen in China einerseits und denen der EU und den USA andererseits ein Delta von rund 40 Prozent. Während in China industriepolitisch induzierte Überkapazitäten, eine schwelende Immobilienkrise und eine strukturelle Nachfrageschwäche über Jahre für fallende Produzentenpreise sorgte, litten die USA und die EU unter Inflationsdruck (COVID, russische Vollinvasion, Iran). Dazu unterdrückt China durch aktives Währungsmanagement eine nach Marktmechanismen zu erwartende Aufwertung des Renminbis.

Die Folgen zeigen sich nicht nur auf dem chinesischen Markt. Chinesische Unternehmen gewinnen Marktanteile auf Drittmärkten zulasten von marktwirtschaftlich operierenden Anbietern und erhöhen den Importdruck im europäischen Binnenmarkt. Das deutsche Warenhandelsbilanzdefizit mit China hat sich von 21,5 Mrd. Euro im Jahr 2020 auf 89,5 Mrd. Euro im Jahr 2025 mehr als verdreifacht. Der zweite China-Schock ist keine kurzfristige Wettbewerbswelle, sondern eine strukturelle Herausforderung für Europas industrielle Basis.

Die eigene Wettbewerbsfähigkeit ist die Grundlage

Europa wird China nur auf Augenhöhe begegnen können, wenn Deutschland und die EU ihre eigene Wettbewerbsfähigkeit verbessern. Das bleibt der Dreh- und Angelpunkt. Hohe Energiepreise, komplexe Regulierung, langsame Verfahren und ein fragmentierter Binnenmarkt schwächen die europäische Industrie unabhängig von China.

Angesichts des Ausmaßes der Wettbewerbsverzerrungen wird es jedoch nicht ausreichen, sich allein auf Standortfragen zu konzentrieren. Erforderlich ist vielmehr eine ganzheitliche und konsistente De-Risking-Strategie, die eine stärkere industriepolitische Flankierung mit wirksamen Handelsschutzinstrumenten und der Diversifizierung von Bezugsquellen verbindet. Ziel muss es sein, strategische Abhängigkeiten zu verringern, Lieferketten resilienter zu gestalten und Wertschöpfung insbesondere in Schlüsselindustrien wieder stärker in Europa aufzubauen.

China ist Partner und systemischer Wettbewerber zugleich

Trotz der verschärften Konkurrenz wäre eine harte wirtschaftliche Entkopplung der falsche Weg. China bleibt ein bedeutender Absatz- und Beschaffungsmarkt. Deutsche Unternehmen vertiefen ihre Produktion vor Ort, arbeiten mit chinesischen Partnern zusammen und entwickeln Produkte für einen dynamischen Markt. Auch bei globalen Aufgaben wie Klimaschutz bleibt Zusammenarbeit notwendig.

China bleibt Partner und systemischer Wettbewerber zugleich. Allerdings hat der Wettbewerb der Systeme in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Unternehmen müssen politische Risiken, mögliche Exportkontrollen, Abhängigkeiten und staatliche Eingriffe heute stärker in ihre Entscheidungen einbeziehen.

De-Risking bedeutet keinen staatlich angeordneten Rückzug aus China. Unternehmen müssen vielmehr einseitige Abhängigkeiten erkennen, Absatz- und Beschaffungsmärkte diversifizieren und alternative Lieferketten aufbauen. Diese Umstellung benötigt Zeit, Kapital und verlässliche politische Rahmenbedingungen. Unternehmen können viele Risiken eigenständig reduzieren, doch die Überwindung struktureller Abhängigkeiten gelingt nicht ohne politische Flankierung.

Rohstoffabhängigkeiten gezielt verringern

Besonders sichtbar sind die Risiken bei kritischen Rohstoffen. Seltene Erden und Permanentmagnete sind für Elektromobilität, Digitalisierung, Energietechnik und Verteidigungsindustrie unverzichtbar. Deutschland bezog 2025 rund 55 Prozent seiner Importe Seltener Erden aus China – bei einigen besonders kritischen Rohstoffen liegt die Abhängigkeit von China jedoch wesentlich höher. Chinesische Exportkontrollen und intransparente Lizenzverfahren treffen damit unmittelbar europäische Produktionsketten treffen und im Worst-Case Szenario Bänder in Deutschland stillstehen lassen.

Deutschland und Europa müssen alternative Lieferquellen erschließen, Rohstoffpartnerschaften ausbauen und eigene Weiterverarbeitungs- und Recyclingkapazitäten stärken. Auch die Kreislaufwirtschaft leistet hier einen wichtigen Beitrag. Nach einer Studie von BDI und BCG könnten Recycling, Wiederverwendung und industrielle Wiederaufarbeitung dazu beitragen, bis 2045 einen erheblichen Teil der Importe strategischer Rohstoffe zu ersetzen.

Diese Schritte werden Abhängigkeiten nicht vollständig beseitigen. Sie erhöhen jedoch die Handlungsfähigkeit Europas und verringern das Risiko, dass China Rohstofflieferungen als wirtschaftspolitisches Druckmittel einsetzt. Die dafür notwendige Diversifizierung darf nicht allein den Unternehmen überlassen werden, sondern muss durch eine gezielte politische Flankierung und investitionsfördernde Rahmenbedingungen unterstützt werden.

Europa muss vorhandene Instrumente wirksamer nutzen

Europa verfügt bereits über handelspolitische Schutzinstrumente gegen Dumping, unfaire Subventionen und wirtschaftlichen Zwang. Die Herausforderung liegt jedoch weniger im Mangel an Instrumenten als in ihrer teils langsamen, bürokratischen und uneinheitlichen Anwendung.

Antidumping- und Antisubventionsverfahren müssen schneller greifen und entschlossener genutzt werden, bevor Marktverzerrungen irreversible Schäden verursachen. Maßnahmen sollten branchenspezifisch und nach einer sorgfältigen Folgenabschätzung eingesetzt werden. Pauschale Schutzzölle oder reflexhafter Protektionismus wären dagegen falsch.

Gleichzeitig können neue Instrumente notwendig sein, um die systemischen Wettbewerbsverzerrungen Chinas entlang ganzer Wertschöpfungsketten wirksam begegnen zu können. Dabei geht es um staatlich induzierte Überkapazitäten und Subventionen, aber auch um die Unterbewertung des Renminbi.

Deutschland darf seine China-Politik nicht allein national betreiben. Nur wenn Deutschland in der China-Debatte eine aktive Führungsrolle einnimmt und die Mitgliedstaaten auch geschlossen auftreten, kann die EU ihre Interessen gegenüber Peking durchsetzen und auf ausgewogenere Wettbewerbsbedingungen sowie resilientere Lieferketten hinwirken. Mögliche Gegenmaßnahmen Chinas müssen in die strategische Abwägung einbezogen werden, Europa darf sein Handeln jedoch nicht von ihnen bestimmen lassen

Ansprechpartner

Ferdinand Schaff

Senior Referent Internationales
BDI e.V.

Ana-Sofia May

Projektreferentin Internationales
Industrie-Förderung Gesellschaft mbH