EU Flagge vor Gebäude mit Sonnenaufgang
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Energiepreisschock bremst Europas Wachstum deutlich aus

Europas Wirtschaft verliert deutlich an Dynamik: Der Energiepreisschock infolge des Nahostkonflikts bremst das Wachstum im Euroraum spürbar aus. 2026 dürfte das Bruttoinlandsprodukt nur noch um 0,7 Prozent zulegen – halb so stark wie im Vorjahr. Sollte der Konflikt weiter eskalieren, droht der Wirtschaft eine Phase der Stagnation, im ungünstigen Fall sogar eine Rezession.

Der neue BDI-Wachstumsausblick Europa zeigt: Mit einem erwarteten BIP-Wachstum von nur 0,7 Prozent halbiert sich die Dynamik im Euroraum gegenüber 2025 und bleibt deutlich unter dem Potenzialwachstum von rund 1,2 Prozent. Der Konsum stützt zwar weiterhin, verliert aber durch steigende Energiepreise an Kraft. Investitionen legen kaum zu, der Außenhandel bremst. Stabilisierende Impulse aus Geld- und Fiskalpolitik sind begrenzt.

Energiepreisschock bremst die Erholung

Noch Anfang 2026 befand sich die europäische Wirtschaft auf einem soliden Kurs. Doch mit der Eskalation des Iran-Konflikts Ende Februar hat sich das Bild grundlegend gewandelt. Im bisherigen Verlauf des zweiten Quartals 2026 liegen die Ölpreise durchschnittlich rund 50 bis 55 Prozent über dem Vorjahr, die Gaspreise etwa 30 Prozent. Eine rasche Entspannung ist bisher nicht in Sicht.

Höhere Energiekosten belasten die Kaufkraft der Haushalte und erhöhen die Produktionskosten der Unternehmen. Die Inflation ist im April auf drei Prozent gestiegen – fast ausschließlich getrieben durch die Energiekomponente, die mit 10,8 Prozent rapide angestiegen ist. Die Kerninflation liegt dagegen bei moderaten 2,2 Prozent. Die entscheidende Frage ist, ob sich der Preisschock über Erwartungen und Löhne dauerhaft verfestigt. Bislang sind solche Zweitrundeneffekte nicht erkennbar.

Wie sich der Wachstumsbeitrag der einzelnen Komponenten seit 2022 entwickelt hat, zeigt die folgende Grafik: Der private Konsum bleibt zwar der wichtigste Treiber, doch sein Beitrag nimmt ab. Investitionen bleiben verhalten, der Außenhandel liefert zuletzt einen negativen Beitrag. Die Industrieproduktion ist nach einer zwischenzeitlichen Erholung 2025 seit Februar 2026 erneut rückläufig.

Ausblick hängt am Verlauf des Konflikts

Wie stark die Wirtschaft letztlich betroffen sein wird, hängt von Dauer und Intensität des Konflikts ab. Die Übertragung erfolgt über mehrere Kanäle: höhere Energiepreise, wachsende Unsicherheit, verschärfte Finanzierungsbedingungen und Störungen in globalen Lieferketten – insbesondere über die Straße von Hormus.
Unsere Prognose geht davon aus, dass der Energiepreisschock spürbar, aber nicht extrem ausfällt – jedoch deutlich länger anhält, als viele internationale Prognosen unterstellen. Bei einer raschen Deeskalation könnte das Wachstum auf 0,8 bis ein Prozent steigen. Bleibt der Konflikt bestehen oder eskaliert weiter, droht eine Abschwächung auf 0,2 bis 0,4 Prozent. Sollte die Straße von Hormus das ganze Jahr blockiert bleiben, ist selbst eine Rezession nicht ausgeschlossen

Europa muss die strukturellen Wachstumsbedingungen stärken

Neben der kurzfristigen Krisenbewältigung rückt eine langfristige Frage in den Vordergrund: Wie kann Europa seine Grundlagen für stärkeres Wachstum verbessern? Der BDI-Wachstumsausblick benennt dafür zentrale Handlungsfelder:

  • Binnenmarkt vertiefen – vor allem bei Dienstleistungen, Energie und Digitalisierung. Die Handelskosten innerhalb Europas sind im internationalen Vergleich hoch; ihr Abbau würde Wettbewerb und Produktivität stärken.
  • Investitionen mobilisieren – Europa steht vor einer Investitionslücke von über 1,2 Billionen Euro jährlich. EU-Instrumente wie InvestEU, IPCEI und der Europäische Wettbewerbsfähigkeitsfonds müssen gezielter eingesetzt werden.
  • Strukturreformen beschleunigen – regulatorische Komplexität abbauen, die Kapitalmarktunion vertiefen, Arbeits- und Produktmärkte reformieren.
  • Handel diversifizieren – Abkommen mit Indien, Australien und den Mercosur-Staaten konsequent umsetzen, um Abhängigkeiten zu reduzieren und Exportchancen zu sichern.
  • Energieversorgung widerstandsfähiger machen – das Zieldreieck aus Versorgungssicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und Nachhaltigkeit wieder in Einklang bringen und ein international wettbewerbsfähiges Preisniveau bei Strom und Gas wiederherstellen.
Ansprechpartner

Frederik Lange

stellvertretender Bereichsleiter Volkswirtschaft
BDI e.V.