Gestaltungskraft — Deutschland als Mitarchitekt der neuen geo-ökonomischen Ordnung

by
Tanja Gönner, Hauptgeschäftsführerin BDI

Deutschland steht inmitten tiefer technologischer, wirtschaftlicher und geopolitischer Veränderungen. Alte Ordnungen lösen sich auf – eine neue geoökonomische Ordnung entsteht. 

Diese Neuordnung ist kein abstraktes Zukunftsszenario, sondern prägt bereits heute industrielle Entscheidungen. Globale Lieferketten werden neu bewertet, technologische Abhängigkeiten offen benannt, geopolitische Risiken in wirtschaftliche Kalkulationen integriert. Märkte fragmentieren sich, Handelsbeziehungen werden politischer, Standortfragen strategischer. Für eine exportorientierte Volkswirtschaft wie Deutschland bedeutet das: Wirtschaftlicher Erfolg hängt davon ab, wie das Land mit geopolitischer Instabilität umgeht.

In diesem Umfeld entscheidet sich Wettbewerbsfähigkeit nicht allein über Kosten oder Effizienz, sondern über Resilienz, Innovationsfähigkeit und strategische Einbettung. Deutschland ist dabei weder isolierte Randfigur noch bloßer Regelübernehmer.  Als industrielle Schlüsselwirtschaft Europas trägt es Mitverantwortung für die Ausgestaltung dieser neuen Ordnung. Diese Verantwortung erfordert aus Sicht des BDI Klarheit über eigene Stärken – und die Bereitschaft, Wirtschaftspolitik, die Sichtweise der Industrie, wirtschaftliche Interessen und europäische Perspektiven enger zusammenzuführen.

Wofür sich der BDI einsetzt und was wir gemeinsam umsetzen müssen: 

  • Wir als BDI setzen uns dafür ein, dass Europa geoökonomische Krisen aktiv managt und neue Initiativen für Handel und Investitionen startet. 
  • Wir als BDI unterstützen eine China-Strategie, die auf De-Risking statt Decoupling setzt und Abhängigkeiten reduziert, ohne Kooperation pauschal zu kappen.
  • Wir als BDI fordern, dass wirtschaftliche Sicherheit als Teil der Standort- und Außenwirtschaftspolitik verstanden wird – inklusive resilienter Lieferketten, Rohstoffzugang und regelbasiertem Welthandel. 
  • Wir als BDI drängen auf ein gemeinsames Modell von Politik und Industrie zur Absicherung kritischer Rohstofflieferketten – als Baustein strategischer Souveränität. 
  • Wir als BDI machen deutlich: Sicherheitslage und Wirtschaftsordnung sind heute verknüpft – Unternehmen sind unmittelbar betroffen. 
Weitere Perspektiven

Verbinden

Nicht die Exzellenz einzelner Unternehmen macht die industrielle Stärke aus, sondern die Fähigkeit, technologische, wirtschaftliche und wissenschaftliche Akteure intelligent zu verbinden. Studien zeigen: Industrielle Wertschöpfung entfaltet ihre größte Wirkung im Verbund.

Handlungsfähigkeit

Die Zukunft Europas hängt von unserer Fähigkeit ab, Innovation, Verteidigung und Demokratie gemeinsam und entschlossen voranzutreiben – durch enge industrielle Zusammenarbeit – durch mehr europäische Integration – durch die Stärkung des europäischen Binnenmarkts.

Dauerwandel

Transformation ist zu einer gesellschaftlichen Aufgabe geworden, die unseren Wohlstand sichern und mehren kann. Die Industrie trägt Verantwortung, diese Aufgabe anzupacken und voranzutreiben. Veränderung ist kein kurzfristiges Projekt, sie ist ein Dauerzustand. Klimawandel, demografische Entwicklung, Digitalisierung und sicherheitspolitische Anforderungen verändern Märkte und Produktionsweisen grundlegend. Innovation wird damit zur zentralen Quelle zukünftigen Wohlstands.

Leadership

Die Frage ist nicht, ob die deutsche Industrie führt, sondern wie sie in dieser neuen Ordnung vorangeht – für Deutschland und Europa. Führungsverantwortung ergibt sich aus Fähigkeit und Wirkung. Die deutsche Industrie verfügt über beides: technologische Exzellenz, hohe industrielle Wertschöpfungstiefe und internationale Vernetzung.

Fundament

Ein glaubwürdiger Führungsanspruch basiert auf wirtschaftlicher Stärke. Sie ermöglicht es, in einer veränderten Welt handlungsfähig zu bleiben und Souveränität und Resilienz zu sichern. Wirtschaftliche Stärke ist die Voraussetzung politischer Gestaltungsfähigkeit. Sie schafft Investitionsspielräume, ermöglicht technologische Entwicklung und erhöht die Fähigkeit, auf Krisen zu reagieren. Ohne industrielle Substanz bleibt strategische Autonomie eine Illusion.

Systemkompetenz

Wertschöpfung ist heute ein dynamisches, vernetztes Gewebe. Unternehmen, Technologien, Märkte und gesellschaftliche Erwartungen greifen eng ineinander. Die industrielle Realität hat sich grundlegend verändert. Produkte entstehen nicht mehr in isolierten Wertschöpfungsketten, sondern in komplexen Netzwerken aus Zulieferern, Plattformen, Dienstleistungen und digitalen Infrastrukturen.

Verbundkraft

Innovation und Transformation entstehen dort, wo sich Branchen-, Sektoren- und Technologien verbinden. Viele der entscheidenden Innovationen unserer Zeit entstehen an Schnittstellen: zwischen Energie und Industrie, zwischen Digitalisierung und Gesundheit, zwischen Mobilität und Infrastruktur.

Verlässlichkeit

Deutschland und Europa verfügen über ein stabiles, rechtssicheres Umfeld, das verlässliche Kooperation ermöglicht – ein entscheidender Standortvorteil in der globalen Konkurrenz. Rechtssicherheit, Verlässlichkeit und institutionelle Stabilität sind zentrale Voraussetzungen für langfristige industrielle Kooperation. Deutschland und Europa bieten hier ein Umfeld, das Vertrauen schafft – zwischen Unternehmen, Investoren und Staaten.

Zusammenhalt

Das internationale Umfeld ist volatil, unsicher, komplex und mehrdeutig. Veränderte weltweite Machtverhältnisse, hybride Bedrohungen und bewusst eingesetzte wirtschaftliche Abhängigkeiten verändern die Rahmenbedingungen für den Wirtschaftsstandort grundlegend.

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