Thomas Gottschild, Vorsitzender des BDI-Ausschusses für Sicherheit

„Deutschlands Verteidigungsfähigkeit und gesellschaftliche Resilienz entstehen nicht von allein: Jetzt braucht es industrielle Logik, Tempo und klare Rahmenbedingungen. Nur wenn Politik unternehmerischen Gestaltungsspielraum gewährt, lassen sich Skaleneffekte nutzen, die Sicherheit, Innovationskraft und Widerstandsfähigkeit langfristig sichern.“
Welche Prioritäten setzen Sie als Vorsitzender des Ausschusses für Sicherheit in der Zeitenwende 2.0?
Wir sind mit einer historischen Dynamik konfrontiert, in Deutschland, in Europa, auf der ganzen Welt. Es herrscht eine Bedrohungslage, die eine veränderte Geisteshaltung hinsichtlich des nötigen Ausbaus der eigenen wirtschaftlichen, sicherheitspolitischen und gesamtgesellschaftlichen Resilienz erfordert. Investitionen alleine schützen aber noch nicht die Souveränität unseres Landes, Europas und der Ukraine, unsere Sicherheit und unsere Freiheit. Alle föderalen Ebenen, Wirtschaft und Zivilgesellschaft müssen ein Bewusstsein entwickeln, dass diese Herausforderung nur gemeinsam zu bewältigen ist – und dieses Bewusstsein in eine noch engere Zusammenarbeit übersetzen. Der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie kommt hier eine Schlüsselrolle zu. Es ist an uns, zu demonstrieren, dass wir in der Lage sind die geforderten Kapazitätserhöhungen „on Time, on Cost & on Quality“ und idealerweise noch vor der benötigten Zeitlinie zu realisieren.
Die heutige hybride Bedrohungslage erfordert zugleich mehr als militärische Stärke: Gesamtverteidigung braucht eine leistungsfähige Industrie, die Schlüsseltechnologien sichert und Innovationen vorantreibt. Die Sicherung unserer industriellen Basis stärkt nicht nur unsere Sicherheit und Souveränität, sondern auch den Standort – sie schafft Resilienz, fördert Innovationen und Technologien und sichert langfristig Wettbewerbsfähigkeit.
Welchen Beitrag sollte Ihrer Ansicht nach die deutsche Sicherheits- und Verteidigungsindustrie im Rahmen einer harmonisierten und effizienteren europäischen Lastenteilung übernehmen?
Deutschland ist gefordert, Verantwortung in Europa und für Europa zu übernehmen – mit einer starken Industrie als Rückgrat, motiviert und gefördert durch eine zielgerichtete Verwaltung mit schlanken Prozessen und sinnvollen gesetzlichen Rahmenbedingungen. Eine leistungsfähige europäische Verteidigungsindustrie braucht gezielte Investitionen in europäische Produkte und Fähigkeiten sowie eine verlässliche Planung der Mitgliedsstaaten.
Ein klarer politischer Wille der großen EU-Staaten ist notwendig, um die NATO-Ausrüstungsverpflichtungen gemeinsam zu erfüllen, wie jüngst in Den Haag beschlossen. Denkbar wäre auch die Entwicklung eines sogenannten „Rüstungs-Bebauungsplans“ für Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien und Polen, in den auch kleinere Mitgliedstaaten als Nutzer, Zulieferer oder Produzenten integriert werden können.
Welche Schritte sind nötig, um die Produktionskapazitäten schnell und effektiv zu erhöhen?
Deutschland und Europa verteidigungsfähig zu machen ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Für mehr Geschwindigkeit brauchen wir unternehmerischen Gestaltungsspielraum, die Priorisierung von industrieller Logik und den Abbau bürokratischer Hürden. Begleitend sind staatliche Investitionen in Verteidigung, die Förderung und Kooperation in Forschung und Entwicklung sowie die Kooperation bei Produktionsvorhaben und einfacherer Zugang zu Finanzierungen notwendig. Diese Maßnahmen stellen sicher, dass insbesondere KMUs, die einen kritischen Beitrag leisten, auch von den Chancen des Verteidigungsmarktes profitieren können.
Ich verstehe meine Aufgabe darin, Agilität in der Prozesskette zu fördern, kontinuierlich Verständnis für die industriellen Bedarfe in der Wertschöpfung zu erwirken und auf einen Konsens hinzuarbeiten, der dem herausfordernden Zeitfenster – im Sinne aller Beteiligten – gerecht wird. Denn die große Herausforderung für die Industrie besteht darin, heute schnell und in größerem Maßstab zu produzieren, aber zugleich Innovationen für die Zukunft voranzutreiben.
Der Ausschuss für Sicherheit des Bundesverbandes der Deutschen Industrie e.V. (BDI) hat Thomas Gottschild während der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar 2025 zu seinem Vorsitzenden gewählt. In dieser neuen Funktion wird Thomas Gottschild maßgeblich an der strategischen Ausrichtung und den industriepolitischen Initiativen des BDI mitwirken, um die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie nachhaltig zu stärken. Dem Spitzengremium der deutschen Industrie für alle Fragen der inneren und äußeren Sicherheit gehören mehr als 30 hochrangige Industrie- und Verbandsvertreterinnen und -vertreter an.
Thomas Gottschild ist Vorsitzender des BDI-Ausschusses für Sicherheit und Geschäftsführer der MBDA Deutschland GmbH. Mit langjähriger internationaler Erfahrung in der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie sowie wirtschaftspolitischem Know-how bringt er umfassende Expertise in seine Aufgaben ein. Seit 2016 leitet er MBDA Deutschland und prägt als Executive Group Director Strategy & Future Growth die strategische Ausrichtung des Konzerns.
Kerstin Petretto
BDI e.V.
