Pressestatement

TDI26: Lage der Industrie kritisch – klares Zielbild und Reformpaket notwendig für gemeinsamen Aufbruch

Die deutsche Industrie ist in einer kritischen Lage. Der Weg aus der Krise liegt jedoch auf dem Tisch. Wir brauchen ein klares Zielbild für das Land und ein faires Gesamtpaket an Reformen. Die Politik muss liefern, konsequent, verlässlich und mit Priorität für Wachstum. Dann wird die Wirtschaft folgen - mit mehr Investitionen, Wachstum und einen neuen Aufbruch am Standort Deutschland.

Meine Damen und Herren,

die Lage der deutschen Industrie ist kritisch. Genau deshalb sind wir heute hier: nicht, um die Krise zu beschreiben, sondern um den Weg aus ihr zu formulieren.

Deutschland hat weiterhin große Potenziale. Unser industrielles Fundament ist intakt: Wir haben Weltklasseunternehmen, einen starken Mittelstand, exzellente Forschung, gut ausgebildete Fachkräfte und eine einzigartige Fähigkeit, komplexe Produkte und Systeme in globalen Netzwerken zu entwickeln und zu produzieren.

Was uns fehlt, ist Richtung, Tempo und ein gemeinsames Zielbild für den Standort. Das zu liefern, ist zuerst Aufgabe der Politik, aber nicht allein. Hier sind alle gesellschaftlichen Kräfte in der Verantwortung, auch die Industrie und die gesamte Wirtschaft.

2026 muss ein Jahr des Aufbruchs werden. Wir brauchen schnellere Genehmigungen, weniger Bürokratie, bessere Investitionsbedingungen, bezahlbare Energie und einen stärkeren europäischen Binnenmarkt.

Frau Gönner wird die wirtschaftliche Lage nun im Detail einordnen.

Zum Konjunkturstatement

Herzlichen Dank, liebe Frau Gönner.

Am Anfang dieses Tages der Industrie steht also eine nüchterne Feststellung: Die Rahmenbedingungen für die deutsche Industrie haben sich in den vergangenen Monaten nochmals deutlich verschlechtert. Vor allem wegen des Iran-Kriegs. Dessen Folgen für Energiepreise und Lieferketten werden trotz der jüngsten Einigung noch länger spürbar bleiben.

Die Lage der Industrie ist kritisch. Am Ende dieses Tages der Industrie wird ebenso klar sein: Kritisch heißt nicht hoffnungslos. Kritisch heißt, dass es jetzt auf Entscheidungen ankommt. Deutschland steht nicht unter Druck, weil wir nichts mehr können, sondern weil wir zu oft unter unseren Möglichkeiten bleiben.

Das industrielle Fundament unseres Landes ist intakt. Aber es trägt nicht mehr von allein, weil die Voraussetzungen für Wachstum fehlen.

Seit 2019 erleben wir einen Bruch industrieller Dynamik. Ein Teil der Ursachen liegt außerhalb Deutschlands: geopolitische Spannungen, ein Zollkrieg, schwache Nachfrage, härterer Wettbewerb, vor allem aus China.

Aber zur Wahrheit gehört auch: Wir sind häufig nicht mehr so viel besser, wie wir teurer sind. Hohe Energiepreise, hohe Steuern, hohe Lohnstückkosten, hohe Lohnzusatzkosten und eine ausgeuferte Bürokratie belasten den Standort.

Wenn industrielle Wertschöpfung verloren geht, verlieren wir nicht nur eine Branche. Dann gerät das Fundament unseres Wohlstands unter Druck. Es ist die industrielle Wertschöpfung, die gut bezahlte Arbeit und unseren Sozialstaat finanziert. Wir verlieren die Basis für unsere Importfähigkeit, für Innovation und Beschäftigung weit über die Industrie hinaus.

Deshalb brauchen wir jetzt mehr als ein Puzzle aus einzelnen Reformen. Wir brauchen zuerst ein Zielbild für den Standort: Ein Land, in dem Arbeit die Grundlage für ein gutes Leben ist, wo Arbeit angereizt und belohnt wird. Ein Land, in dem Mut, Leistung und Unternehmertum unterstützt werden. Ein Staat, der Sicherheit, Bildung und Infrastruktur verlässlich leistet — aber Initiative nicht fesselt.

Aus diesem Zielbild müssen konkrete Maßnahmen folgen.

  1. Genehmigungen müssen deutlich schneller werden — in Wochen und Monaten statt in Jahren und Jahrzehnten.
  2. Verwaltung muss drastisch einfacher werden.
  3. Investitionen brauchen bessere Rahmenbedingungen. In diesem Sinne ist Steuerpolitik Standortpolitik.
  4. Energie muss bezahlbar und systemisch gedacht werden. Entscheidend sind nicht nur Erzeugungskosten, sondern die gesamten Kosten des Stromsystems.
  5. Der europäische Binnenmarkt ist unser größter ungenutzter Hebel. In einem starken europäischen Binnen- und Kapitalmarkt liegt unsere eigentliche Chance.

Der Weg führt nur über ein Gesamtpaket an Reformen. Die Lasten des Pakets müssen fair verteilt werden. Über isolierte Einzelreformen lässt sich das nicht erreichen und vermitteln. Die Bundesregierung versucht es seit über einem Jahr mit diesem Ansatz. Die Bilanz ist nicht gut, die Stagnation ist geblieben, der Abbau im Inland setzt sich damit fort.

Denn eines ist wichtig: Alle müssen mitziehen. Die Politik muss liefern — konsequent, verlässlich und mit Priorität für Wachstum. Wenn die Politik liefert – sichtbar, spürbar, in Taten, nicht nur in Worten –, entsteht auch für die Wirtschaft eine Verpflichtung. Dann dürfen Investitionsentscheidungen nicht nur betriebswirtschaftlich, sondern müssen auch mit Verantwortung für den Standort getroffen werden.

Genau hier beginnt das gemeinsame Handeln. Erfolg entsteht jetzt nicht durch Abschottung, nicht durch Ressortlogik und nicht durch nationale Alleingänge. Erfolg entsteht im Verbund. Parteien, Unternehmen, Gewerkschaften, Verbände, Wissenschaft und Staat müssen bereit sein, aus ihren jeweiligen Organisationslogiken herauszutreten und Verantwortung für das Ganze zu übernehmen.

Stabilität war über Jahrzehnte eine Stärke Deutschlands. Aber in einer Welt permanenter Veränderung reicht Stabilität allein nicht mehr. Wir müssen sie mit Agilität verbinden. Wir brauchen die Fähigkeit, schneller zu entscheiden, besser zu kooperieren und gemeinsam zu handeln. Wir werden sehen, viel mehr werden bereit sein mitzuziehen, als wir jetzt noch denken.

Wir vom BDI erwarten, dass alle ihren Beitrag leisten. Wenn wir unserem Potenzial wieder Richtung geben, wenn Politik und Wirtschaft in einer Zug-um-Zug-Logik handeln, wenn wir Stabilität mit neuer Agilität verbinden, dann entsteht neues Vertrauen in Deutschland.

Dann entstehen Investitionen, Wachstum und Aufbruch.
Der Weg nach vorn ist nicht eine Option von mehreren. Er ist unsere gemeinsame Aufgabe. Genau hierüber zu reden ist das Ziel an diesem Tag der Industrie 2026.

Vielen Dank.

Ansprechpartner

Andrea Stahl

Referentin Kommunikation
BDI e.V.