
Rede von BDI-Präsident Peter Leibinger auf der Münchener Sicherheitskonferenz 2026
Sehr geehrte Damen und Herren,
zunächst möchte ich danken.
Dank an die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft – und ganz persönlich an ihren Präsidenten Wolfram Hatz und sein Team – für die erneut hervorragende Zusammenarbeit und die klare gemeinsame Ausrichtung der heutigen Veranstaltung.
Besonders herzlich begrüße ich unseren Ehrengast: den finnischen Verteidigungsminister Antti Edvard Häkkänen. Lieber Herr Minister, willkommen.
Finnland ist für uns mehr als ein Partner. Finnland ist ein Vorbild – für strategische Nüchternheit, für gesellschaftliche Resilienz und für das Prinzip der Gesamtverteidigung. Der englische Begriff „Total Defense“ und die dazugehörige Definition ist besser als der deutsche Begriff:
„…a comprehensive national security strategy combining military and civil resources.” Finnland steht für mich synonym für Total Defense. Es ist kein Programm oder Konzept, in Ihrem Land ist dies eine Haltung.
Ich freue mich sehr, heute hier zu sein – mit rund 250 Vertreterinnen und Vertretern der deutschen Industrie aus allen Branchen.
Uns alle eint eines: Wir tragen Verantwortung. Wir tun dies, weil wir es möchten, nicht als Bürde.
Wir tun dies auch, weil wir erkennen, dass die Übernahme von Verantwortung das Gebot der Stunde ist. Ich meine damit insbesondere die Verantwortung Wertschöpfung und Innovation, denn sie sind das Fundament der Sicherheit. Darüber möchte ich heute reden.
Meine Damen und Herren,
bevor ich über Strukturen, Strategien und industrielle Fähigkeiten spreche, lassen Sie mich über die Realität sprechen, die all dem zugrunde liegt.
Finnland hat längst verstanden und beherzigt, was viele andere europäische Nationen erst mühsam zu begreifen beginnen: unser Friede ist zutiefst bedroht von Krieg und Unrecht. Diese Bedrohung ist viel älter als der brutale Krieg gegen die Ukraine; aber dieser Krieg erhellt unsere Lage grell und erschreckend.
Wir bewundern den Mut, die Innovationskraft und die Entschlossenheit der Ukrainerinnen und Ukrainer.
Ein Land, das unter permanentem Beschuss steht, entwickelt in kürzester Zeit neue Technologien, neue Produktionsmethoden und neue militärische Fähigkeiten.
Sie tun dies nicht aus einer Situation der Sicherheit und Wohlstand, in der wir uns befinden, sondern aus existenzieller Notwendigkeit.
Dabei ist die Ukraine Europas Bollwerk gegen den neuerlichen russischen Imperialismus, nichts weniger. Dies verdient unseren Dank und unseren Respekt. Die Unterstützung der Ukraine ist also sowohl moralisch geboten als auch blanker Eigennutz.
Die Unterstützung liegt in unserem ureigensten Interesse. Denn dieser Krieg richtet sich nicht nur gegen ein Land.
Er richtet sich gegen die europäische Friedensordnung, die das Fundament ist für die Sicherheit aller freiheitlichen Demokratien in Europa.
Und dieser Krieg zeigt uns mit brutaler Klarheit, was im Ernstfall zählt:
Handlungsfähigkeit.
Resilienz.
Die Munich Security Conference dient seit jeher dazu, über den Ernstfall nachzudenken und die sicherheitspolitische Lage zu erkennen, in der Deutschland und Europa sich befinden. Dazu sind auf der MSC seit Jahren oft exzellente Analysen präsentiert worden.
Aber diesen Analysen sind selten oder nie Strategien, konkrete Ziele und tatkräftiges Handeln gefolgt. Auch darum sind Deutschland und Europa heute so gefährdet und abhängig.
Aber wir können das ändern, wir sind handlungsfähig. Wir brauchen allerdings schonungslose Klarheit über unsere Lage und die Entschlossenheit, sie zu verbessern, statt bloß zu beklagen. Dazu fordere ich uns alle auf, und darum hat diese Rede Appellcharakter. Ich stelle an uns alle in Deutschland und Europa fünf Forderungen:
Erstens: Europas Verteidigung muss mit, ohne und gegebenenfalls gegen Washington gedacht werden.
„Nichts hat die heutige Weltordnung stärker geprägt als die Beziehung zwischen den USA und Europa: Im letzten Vierteljahrtausend waren sie Konkurrenten, Feinde – und seit dem Zweiten Weltkrieg enge Freunde.“ schreibt Ivo Mijnssn in der NZZ vom 28.1.2026.
Diese Beziehung ist historisch, auch weil sie historisch betrachtet eine ungewöhnliche Erfolgsgeschichte ist. Sie ist und war mehr als ein Zweckbündnis. Unter der Führung der USA entwickelte sich ein dichtes Netzwerk aus Partnerschaften, politischer wie wirtschaftlicher Abkommen, eingebettet in ein geteiltes Wertesystem – angesiedelt irgendwo zwischen den Kardinalstugenden und einer „wir wollen alle Hollywood und Coca-Cola“ Attitüde – und geschützt durch das Verteidigungssystem der NATO.
Diese Beziehung ist wertvoll, sie ist aber nicht so sicher, wie wir glaubten. Sie war es nie, wenn man Mark Carney zuhört. Auch und gerade deshalb ist sie ist kein Ersatz für eigene Stärke. In der Zukunft gilt eher: Sie lebt von europäischer Stärke.
Daraus folgt: Europas Verteidigung muss mit, ohne und äußerstenfalls gegen Washington gedacht und vorbereitet werden.
Wir bekennen uns zur transatlantischen Partnerschaft und wollen sie erhalten. Sie hat uns Frieden und Freiheit gesichert und soll das weiterhin tun. Wir hoffen, dass das auch in Washington bald wieder klar erkannt und beherzigt wird.
Wir haben aber wieder erkannt, dass die transatlantische Partnerschaft auf einen starken europäischen Beitrag angewiesen ist. Die europäischen NATO-Mitglieder müssen fähig sein, sich durchhaltefähig selbst zu verteidigen. Nur dadurch schrecken sie Aggressoren ab, entlasten die USA und gewinnen strategische Eigenständigkeit – auch für den Fall, dass sich das transatlantische Verhältnis verschlechtern sollte.
Strategische Eigenständigkeit besteht in der Fähigkeit, die eigenen Grenzen und Gesellschaften aus eigener Kraft wirksam zu schützen. Das setzt unmittelbar verfügbare militärische Schlagkraft und deren rasche Aufwuchsfähigkeit ebenso voraus wie gesellschaftliche Resilienz.
Zweitens: Ohne eine eigene starke Verteidigungsindustrie gibt es für Deutschland und Europa keine Sicherheit.
Sicherheit beginnt nicht in Ministerien. Sie beginnt in Fabrikhallen, in Entwicklungsabteilungen, in sicheren Lieferketten und in strategisch gebotener Vorratshaltung.
Ein Staat, hier in Europa, der seine industrielle Basis verliert, verliert mehr als Wohlstand und Wachstum:
Er verliert die Waffenschmiede, um sich verteidigen zu können.
Er verliert seine sicherheitspolitische Eigenständigkeit.
Er verliert Souveränität.
Der Ernstfall beweist: Ohne eine starke Industrie keine Sicherheit. Ohne Sicherheit keine Freiheit.
Starke Industrie heißt: produzieren können, wenn es darauf ankommt.
Stärke heißt: kritische Güter und Fähigkeiten im eigenen Einflussbereich halten.
Stärke heißt auch: im Krisenfall hochfahren zu können – schnell, koordiniert und im nötigen Maß.
All dies ist unter dem Begriff Resilienz zu subsummieren. Wir müssen resilient werden, als Staat, als Gesellschaft, als Industrie.
Auch deshalb haben wir beim BDI entschieden, das Thema Resilienz in all seinen Facetten zum Kernthema unserer Arbeit in diesem Jahr zu machen.
Drittens: Unsere Sicherheit und strategische Eigenständigkeit sind auf technische Überlegenheit angewiesen. Die entsteht aber nicht im Labor, sondern in der Produktion.
Europa ist exzellent in Forschung. Die europäische zivile Industrie ist auch exzellent in der Umsetzung ins Produkt und in die Produktion.
In der Rüstung in Europa ist das Bild ein anderes.
Wir sind stark in Pilotprojekten, wir sind aber schwach in der industriellen Umsetzung in die Massenproduktion. Dies ist der Fall, weil die beauftragten Stückzahlen noch immer zu gering sind.
Innovation ohne massenhafte Produktion ist aber strategisch wertlos.
Im 21. Jahrhundert entscheidet nicht die beste Idee. Die Geschwindigkeit der Umsetzung ist entscheidend.
Wir benötigen die Fähigkeit Schlüsseltechnologien schnell und massenhaft für den militärischen Einsatz verfügbar zu machen. Das gilt ebenso für künstliche Intelligenz, wie für Weltraumfähigkeiten, Sensorik, Drohnen, für Munition wie für Kommunikationssysteme.
Alle diese Bereiche sind wichtig für unsere Sicherheit und Fähigkeit zur eigenständigen Verteidigung. In allen müssen wir führend auch in der Produktion sein.
Daraus folgt, viertens: Zivile Industrie und Rüstungsindustrie gehören strategisch zusammen.
Die Umsetzung einer Innovation in ein technologisch anspruchsvolles und zugleich robustes Produkt, das mit höchster Qualität schnell und sicher produziert wird, genau das ist die Kernkompetenz der deutschen zivilen Industrie. Genau das war die Basis unseres Erfolges in den letzten Jahrzehnten.
Unsere Aufgabe ist es, diese Fähigkeit über Dual-use Ansätze und eine viel engere Zusammenarbeit auf die Rüstung zu übertragen.
Wer zivile Industrie und Rüstungsindustrie gedanklich und planerisch trennt, hat nicht verstanden, worin unser eigentliches industrielles Potenzial liegt.
Unsere Verteidigungsfähigkeit und strategische Eigenständigkeit sind auf Dual-use-Technologien und darauf angewiesen, dass die „zivile“ Industrie im Bedarfsfall schnell zur Verteidigung beitragen kann.
Je breiter unsere Industrie aufgestellt ist, desto vielfältiger sind die Möglichkeiten zur sicherheitspolitischen Vorsorge und Zusammenarbeit, umso größer ist unsere Resilienz.
Wenn man aufzählt, in welchen Bereichen die zivile Industrie führend ist oder ein wichtiger globaler Player, wird deutlich, was ich meine.
Ich denke an Beispiele wie den Maschinenbau, die Robotik, Chiptechnologie für Industrie und Automobilbau, Industrielle Software, Materialforschung, Energie, Logistik, Biotechnologie, Medtech und Pharma.
Wer diese Branchen sicherheitspolitisch isoliert betrachtet und organisiert, der handelt ineffizient.
Sicherheitspolitik braucht Industrie, und Industrie braucht Sicherheitspolitik.
Finnland lebt diesen Ansatz: Total Defense. Wir sollten es endlich auch tun.
Fünftens: Sicherheit dank Resilienz erwächst aus Ökosystemen, nicht aus Einzellösungen.
Kein Unternehmen kann Sicherheit allein herstellen, genauso wenig, wie ein Staat Resilienz verordnen kann.
Am Ende entsteht Resilienz aus der Kombination der oben beschriebenen Haltung und industriell aus einem leistungsfähigen Ökosystem.
Wir verfügen in Deutschland über ein solches Ökosystem bestehend aus kleinen, mittleren und großen Unternehmen, dazu kommen als eigene Kategorie noch Startups, die einen engen Verbund bilden. Komplementär ergänzt werden diese durch ein Forschungssystem, das von Berufsschule bis Max Planck geht. Dies ist in dieser Form einmalig.
Für den Ansatz Total Defense und das Nutzen dieses einmaligen Ökosystems für Dual-use braucht es dazu die öffentliche Hand in einer neuen Rolle.
Denn die Situation erfordert genau die Geschwindigkeit, die solche Ökosysteme bieten.
Daher muss zu den verlässlichen Rahmenbedingungen, die wir heute schon bieten, eine neue Form der Nachfrage im offenen Wettbewerb kommen, um schnell die leistungsfähigsten Lösungen zu erhalten.
Ich spreche von einer neuen Form der öffentlichen Nachfrage, die auf schnellere Genehmigungen aufbaut und Investitionsabsicherung über Garantien bietet.
Dies zu gewährleisten ist jetzt die wichtigste Aufgabe der Politik.
Die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit der Politik ist Voraussetzung dafür, damit sie diese Aufgabe erfüllen kann. Diese wird möglich durch den Ansatz der Total Defense und die Überschrift Resilienz.
Was ich beschreibe, sind die entscheidenden Grundelemente einer starken Sicherheitsarchitektur.
Denn Resilienz ist Teamsport – keine Einzeldisziplin.
Meine Damen und Herren,
Eingangs sagte ich: Wir alle tragen Verantwortung. Wir tun dies, weil wir es möchten, nicht als Bürde.
Wir tun dies auch, weil wir erkennen, dass die Übernahme von Verantwortung das Gebot der Stunde ist.
Sicherheit ist kein windfall-profit, sie ist das Ergebnis von Entscheidungen und Taten, das Ergebnis von Investitionen und des Nutzens von vorhandener industrieller Stärke.
Ich bin überzeugt: Deutschland kann leisten, Sicherheit zu schaffen. Ich bin auch überzeugt, Europa kann das leisten.
Aber nur, wenn wir alte Bequemlichkeiten im Denken und im Priorisieren aufgeben und Sicherheit wieder als Kernaufgabe begreifen.
Die Industrie ist bereit. Unser Potenzial können wir entfalten, wenn die Politik ihre Kernaufgabe annimmt und mit klaren Prioritäten, messbaren Zielen, verbindlichen Zeitplänen und schneller Evaluation die Voraussetzungen für zielgerichtete Umsetzung schafft.
Wir wollen und müssen gemeinsam von der Analyse ins Handeln und Entscheiden kommen.
Ich habe es oben beschrieben: Wir haben beim BDI entschieden, das Thema Resilienz in all seinen Facetten zum Kernthema unserer Arbeit in diesem Jahr zu machen.
Wir möchten damit unserer industriepolitischen Arbeit strategische Leitplanken geben, die heißen:
Resilienz nicht als defensives Konzept, sondern als die Voraussetzung für Wachstum, Innovation und Sicherheit in einer neuen Welt.
Der Erfolg unser aller Bemühungen um Resilienz wir darüber entscheiden, ob Deutschland und Europa in Krisen handelt – oder behandelt wird.
Strategische Eigenständigkeit muss unser Zielbild sein. Sie ist die Voraussetzung für unsere Unabhängigkeit durch Führungsfähigkeit.
Vielen Dank.
Matthias Wachter
BDI e.V.

Kerstin Petretto
BDI e.V.
