
Unternehmen stärken ihre Resilienz – aber sie können es nicht allein
Geopolitische Spannungen, gestörte Lieferketten und veränderte Energiemärkte haben wirtschaftliche Resilienz zu einer Kernaufgabe der deutschen Industrie gemacht. Eine aktuelle Allensbach-Studie im Auftrag des BDI zeigt: Große Unternehmen stärken ihre Widerstandsfähigkeit proaktiv mit konkreten Strategien und Investitionen. Die hohen Kosten dafür tragen sie meist selbst. Dauerhafte Krisenfestigkeit entsteht jedoch nur im Schulterschluss mit den staatlichen Akteuren.
Resilienz ist in den Unternehmen längst angekommen
Die vom BDI beauftragte Allensbach-Befragung „Wirtschaftliche Resilienz und Maßnahmen zu ihrer Stärkung“ unter Top-Entscheidern zeichnet ein deutlich differenzierteres Bild, als es die öffentliche Debatte häufig vermittelt. Mehr als acht von zehn der befragten großen Unternehmen des produzierenden Gewerbes bewerten ihre eigene wirtschaftliche Resilienz gegenüber Schocks und größeren Störungen als hoch oder sogar sehr hoch. Nur rund 15 Prozent schätzen ihre Widerstandsfähigkeit als niedrig ein.
Das Ergebnis zeigt, dass viele Unternehmen ihre Strukturen und Prozesse in den vergangenen Jahren gezielt an ein volatiles Umfeld angepasst haben. Die Erfahrungen aus Pandemie, gestörten Transportwegen, geopolitischen Konflikten und den Verwerfungen auf den Energiemärkten haben Resilienz zu einem festen unternehmerischen Entscheidungskriterium gemacht.
Gleichzeitig bleiben systemische Risiken hoch. Rund die Hälfte der befragten Unternehmen sieht in Störungen oder Blockaden von Transportwegen, Lieferengpässen bei Rohstoffen und Vorprodukten sowie möglichen Ausfällen der Energieversorgung große oder sehr große Risiken für das eigene Unternehmen. Auch kriegsbedingte Störungen von Einkauf und Absatz im Ausland werden von vielen als ernsthafte Herausforderung wahrgenommen.
Unternehmen investieren systematisch in ihre Widerstandsfähigkeit
Die Studie zeigt deutlich: Resilienz ist in den Unternehmen längst mehr als ein strategisches Schlagwort. Sie ist Teil des operativen Handelns. 77 Prozent der Unternehmen verfügen bereits über eine explizite Strategie zur Stärkung ihrer Resilienz. Weitere 16 Prozent beschäftigen sich mit der Einführung einer solchen Strategie.
Besonders sichtbar wird dieses Engagement beim Blick auf die konkreten Maßnahmen. Die Unternehmen setzen auf eine breite Palette von Instrumenten, um ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber geopolitischen und wirtschaftlichen Risiken zu erhöhen:
- 84 Prozent nutzen ein systematisches Risikomanagement inklusive regelmäßiger Stresstests.
- 81 Prozent diversifizieren aktiv ihre Bezugsquellen, um kritische Länder- oder Lieferantenabhängigkeiten zu minimieren.
- 69 Prozent erschließen gezielt zusätzliche Absatzmärkte, um Klumpenrisiken auf der Kundenseite zu vermeiden.
- 68 Prozent treiben die Forschung und Entwicklung alternativer Produkte oder Produktionsverfahren gezielt voran.
Darüber hinaus baut die Mehrheit der Unternehmen höhere Sicherheitsbestände auf oder setzt verstärkt auf Kreislaufwirtschaft. Im Durchschnitt haben die befragten Industrieunternehmen bereits 4,4 der abgefragten sieben Kernmaßnahmen aktiv umgesetzt.
Dieser Einsatz hat seinen Preis. Für rund 58 Prozent der Unternehmen sind die Maßnahmen mit hohen oder sehr hohen finanziellen beziehungsweise organisatorischen Belastungen verbunden – Aufwendungen, die sie überwiegend aus eigener Kraft tragen. Resilienz ist damit kein Nebenprodukt des Tagesgeschäfts, sondern das Ergebnis strategischer Entscheidungen und langfristiger Investitionen.
Viele Risiken liegen außerhalb des Einflussbereichs
Unternehmen handeln mit Blick auf ihre Resilienz nach dem Prinzip ‘Control the Controllables’. Dieser Kontrolle entziehen sich jedoch die systemischen Risiken. Ein Unternehmen kann zwar Zulieferer wechseln, aber es kann weder geopolitische Konflikte entschärfen, noch globale Handelsrouten eigenhändig sichern oder eine flächendeckend wettbewerbsfähige Energieversorgung garantieren.
Hier zeigt sich, dass wirtschaftliche Resilienz nicht allein durch unternehmerisches Handeln gesichert werden kann. Die Wunschliste der Unternehmen an die Wirtschaftspolitik ist eindeutig: Ganz oben stehen Maßnahmen, die den Standort ganzheitlich stärken: Der Abbau von Bürokratie und die Beschleunigung von Genehmigungsverfahren (34 Prozent) sowie gezielte Maßnahmen in der Energiepolitik, allen voran die Senkung der Energiepreise (29 Prozent).
Die Bewertung der bisherigen staatlichen Unterstützungsleistungen fällt derweil gemischt aus. Während staatliche Hilfen bei der Erschließung neuer Märkte oder internationale Handelsabkommen mehrheitlich positiv gesehen werden, bemängeln die Unternehmen deutliche Defizite bei der Bereitstellung von verlässlichen Frühwarninformationen sowie bei staatlichen Analysen zu technologischen und wirtschaftlichen Abhängigkeiten.
Resilienz ist eine gemeinsame Aufgabe
Die Industrie in Deutschland ist beim Thema Resilienz bereits in Vorleistung gegangen. Sie hat Risiken analysiert, Strukturen angepasst und investiert massiv aus eigener Kraft.
Doch um den Industriestandort langfristig wetterfest zu machen, darf die Politik nicht zurückbleiben. Resilienz erfordert über das vorausschauende Handeln der Unternehmen hinaus verlässliche, wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen.
Rund drei von vier großen Unternehmen verfügen über eine explizite Resilienz-Strategie
Frage: "Gibt es in Ihrem Unternehmen eine explizite Strategie, um die eigene Widerstandsfähigkeit oder Resilienz zu stärken, oder wird in Ihrem Unternehmen darüber nachgedacht, eine solche Strategie einzuführen, oder weder noch?"

