
Rohstoff-Resilienz: Wie Zirkularität Deutschlands Industrie stärkt
Deutschlands Industrie steht unter Druck: Geopolitische Spannungen, volatile Rohstoffpreise und fragile Lieferketten gefährden Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit. Eine neue Studie von BCG und BDI zeigt: Circular Economy ist weit mehr als Nachhaltigkeitspolitik. Kreislaufwirtschaft kann Importabhängigkeiten reduzieren, Wertschöpfung steigern und die industrielle Resilienz Deutschlands langfristig stärken.
Deutschland ist mit über 1,4 Milliarden Tonnen jährlichem Materialeinsatz die materialintensivste Volkswirtschaft der EU und zugleich drittgrößter Rohstoffimporteur der Welt. Besonders kritisch ist die Abhängigkeit bei Schlüsselmaterialien für Zukunftstechnologien: Bei Lithium, Nickel und Seltenen Erden liegt die Importquote bei über 99 Prozent. Bei Seltenen Erden bezieht Deutschland zudem 66 Prozent seiner Importe aus China (Stand 2024).
Diese linearen Wertschöpfungsstrukturen machen die Industrie anfällig für geopolitische Risiken, Lieferengpässe und Preisschwankungen. Das ifo Institut schätzt, dass allein 2021 rund 40 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung durch Lieferengpässe verloren gingen. Rohstoffsicherheit ist damit längst kein Randthema mehr, sondern ein zentraler Wettbewerbsfaktor für den Industriestandort Deutschland.
Circular Economy als Hebel für Versorgungssicherheit
Die Studie „Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz“ (Mai 2026) von BCG und BDI zeigt, welches Potenzial in geschlossenen Materialkreisläufen steckt. Recycling, Wiederverwendung und Remanufacturing könnten bis 2045 rund 20 bis 40 Prozent der strategischen Rohstoffimporte ersetzen.
Besonders relevant ist das bei kritischen Materialien: Die Importabhängigkeit bei Seltenen Erden könnte um bis zu 20 Prozent sinken, bei Batteriematerialien um bis zu 10 Prozent. Insgesamt ließen sich jährlich rund 60.000 Tonnen Lithium, Nickel, Mangan und Kobalt durch Aufbereitung im Inland substituieren.
Wachstumspotenziale durch zirkuläre Wertschöpfung
Gleichzeitig eröffnet die Kreislaufwirtschaft erhebliche wirtschaftliche Chancen. Die zirkuläre Bruttowertschöpfung könnte sich von heute rund 60 Milliarden Euro auf bis zu 125 Milliarden Euro im Jahr 2045 mehr als verdoppeln. Kumuliert ergibt sich daraus ein Potenzial von bis zu 880 Milliarden Euro zusätzlicher Wertschöpfung.
Circular Economy entwickelt sich damit zunehmend zu einem eigenständigen industriellen Wachstumsfeld. Neue Geschäftsmodelle entlang von Recycling, Wiederverwendung, Reparatur und digitalem Materialmanagement schaffen zusätzliche Erlösquellen und stärken zugleich die Kontrolle über strategische Ressourcen. Besonders die stärkere Nutzung von Sekundärrohstoffen kann Unternehmen resilienter gegenüber Preisschwankungen und geopolitischen Risiken machen.
Darüber hinaus könnten jährlich bis zu 83 Millionen Tonnen Rezyklate verfügbar gemacht werden – Materialströme, die stärker in Deutschland und Europa verbleiben und so die Versorgungssicherheit stärken.
Schlüsselindustrien im Wandel
Besonders groß sind die Potenziale in den Bereichen Mobilität, Maschinenbau, Energie und Bauwesen.
Mobilität: Elektrofahrzeuge werden bis 2045 rund 68 Prozent des Pkw-Bestands ausmachen. Die jährlichen Rückläufe von Traktionsbatterien steigen von heute fast Null auf bis zu 800.000 Einheiten im Jahr 2045 an – ein massiver Hebel für die Rückgewinnung kritischer Stoffe. Wichtigste Voraussetzung dafür ist, dass ein größerer Teil an Altfahrzeugen für inländische Kreislaufprozesse verfügbar wird.
Maschinenbau: Durch Remanufacturing und Refurbishment sind jährlich 17 bis 19 Milliarden Euro Umsatz realisierbar. Zudem sind EBITDA-Margen möglich, die um mehr als 5 Prozentpunkte über der Neuproduktion liegen.
Energie: Die Wiederverwendung und Aufbereitung von Komponenten wie Transformatoren oder Windkraftanlagen könnte die Kosten der Energiewende bis 2045 kumuliert um rund 38 Milliarden Euro senken.
Bauwesen: Durch effiziente Sanierungen im Bestand könnten bis 2045 jährlich rund 11.000 zusätzliche Wohnungen geschaffen werden – bei vergleichsweise geringem zusätzlichem Materialbedarf von nur 1,3 Millionen Tonnen. Gleichzeitig könnte der durchschnittliche Materialeinsatz pro geschaffene Wohnung um rund 2 Prozent sinken.
Textil: Im Textilsektor könnten die Verbrennungsanteile durch den Aufbau geschlossener Kreisläufe in Europa um 9 bis 19 Prozentpunkte sinken. Bis zu 550.000 Tonnen Alttextilien ließen sich jährlich über Faser-zu-Faser-Recycling in den Kreislauf zurückführen – und Wertschöpfung, die heute überwiegend im Ausland entsteht, schrittweise nach Europa verlagern.
Investitionen in industrielle Souveränität
Um diese Potenziale zu heben, sind laut Studie bis 2045 Investitionen von rund 20 Milliarden Euro in Recycling-, Verwertungs- und digitale Infrastruktur notwendig. Das entspricht etwa 3 bis 4 Prozent des jährlichen Investitionsvolumens in kreislaufwirtschaftsnahe Bereiche. Gesamtwirtschaftlich könnten sich diese Investitionen innerhalb weniger Jahre amortisieren.
Die Botschaft der Studie ist klar: Circular Economy ist kein reines Umweltprojekt. Sie entwickelt sich zu einem strategischen Baustein für Wettbewerbsfähigkeit, Versorgungssicherheit und industrielle Souveränität – und damit zu einem zentralen Element moderner Industriepolitik.
Quelle: BCG / BDI (2026): „Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz – Chancen der Circular Economy für die deutsche Industrie“, Mai 2026.

