Herausforderung Hermesbürgschaften: Ein Plädoyer für eine Weiterentwicklung des Instrumentariums

Dr. Hermann Jung, CFO von Voith, und Vorsitzender des BDI-Arbeitskreises Exportkreditversicherung/Exportfinanzierung, setzt sich für eine Weiterentwicklung des Hermes-Instrumentariums ein.

Die wirtschaftliche Lage Deutschlands als drittgrößter Exportnation scheint, wenn man der aktuellen Medienberichterstattung Glauben schenkt, zurzeit hervorragend zu sein. Doch der Schein trügt. Zum einen sind die äußeren Umstände durchaus besorgniserregend. Kriegerische und terroristische Auseinandersetzungen tragen ebenso zur Verunsicherung der weltwirtschaftlichen Entwicklung bei, wie anhaltende finanzwirtschaftliche und politische Krisen innerhalb und außerhalb der Europäischen Union. Zum anderen konkurriert Deutschland in einem globalen Wettbewerb mit aufstrebenden Schwellen- und Entwicklungsländern, die aggressiv und erfolgreich um Marktanteile wetteifern und dabei vergleichsweise extreme Wachstumszahlen erreichen.

Wie in keinem anderen Land der Welt hängen unser wirtschaftlicher Wohlstand sowie die Lage am Arbeitsmarkt von der Auslandsnachfrage, also vom Export, ab. Die Exportquote, der Anteil der Ausfuhren von Waren und Dienstleistungen am Bruttoinlandsprodukt, betrug 2013 über 50 Prozent. Sowohl Deutschlands industrielles, als auch gesellschaftliches Wohlergehen ist somit fundamental vom Erfolg seiner Exportleistung abhängig. Ermöglicht hat dies die deutsche Wirtschaft unter anderem durch den strukturellen Aufbau  internationaler Wertschöpfungsketten. Andere Faktoren sind die ständige Adaption des Liefer- und Leistungsangebots an kundenseitige Anforderungen und der hohe technische Innovationsgrad sowie die Zuverlässigkeit unserer Produkte.

Gerade in Schwellen- und Entwicklungsländern, wo private Kreditversicherer nur sehr zögerlich und wenn, dann nur sehr punktuell Bereitschaft zeigen Exportrisiken abzusichern, nutzen deutsche Exporteure seit Jahrzehnten das Absicherungsinstrument der staatlichen Hermesbürgschaften.

Dies ermöglicht es besonders mittelständischen Unternehmen überhaupt im Exportgeschäft tätig zu werden und neue Märkte zu erschließen. Wir müssen uns daher ständig die Frage stellen, ob unsere staatlichen Instrumente den sich zunehmend schneller ändernden globalen Marktanforderungen und Wettbewerb noch gerecht werden. Wie also können  Politik und Wirtschaft  die notwendige Gestaltung vornehmen und nachhaltig sicherstellen?

Nahezu jede andere Exportnation hat in der Zwischenzeit, neben einer erfolgreichen Aufholjagd auf technischem Gebiet, schlagkräftige Exportfördermodelle entwickelt, um sich Wettbewerbsvorteile zu verschaffen. Dies sind zum Beispiel aggressive, hoch attraktive Finanzierungsinstrumente, insbesondere aus Südostasien. Diese werden den dortigen Industrieunternehmen von staatlicher Stelle durch aktive Industriepolitik flankierend zur Seite gestellt und verhindern massiv die Chance auf einen fairen Wettbewerb, sowohl innerhalb wie auch außerhalb der OECD.

Die Folgen für Deutschland sind schmerzhafte Marktanteilsverluste in wichtigen Wachstumsmärkten aufgrund fehlender konkurrenzfähiger Finanzierungsmodelle. Deshalb ist es mehr denn je erforderlich, dass der Bund gemeinsam mit der deutschen Exportwirtschaft den Schulterschluss sucht, um den Grundstein für einen intelligenten Einsatz von Finanzierungs- und Absicherungsmodellen im deutschen Interesse zu legen.

Von dieser wettbewerbsverzerrenden Problemkonstellation sind unsere europäischen Nachbarn teilweise ebenso betroffen. Eine europäische Lösung scheint derzeit besonders aufgrund der zu erwartenden Bürokratisierung jedoch kurzfristig nur schwer umsetzbar. Dennoch wäre es klug, Tendenzen zu einem größeren europäischen Engagement zu prüfen und gegebenenfalls produktiv zu nutzen. Deutschland muss hier vorangehen. Wir dürfen die Rolle des Gestalters zu unserem eigenen Schutz und Wohl nicht aus der Hand geben.

Auch dem steigenden globalisierungsbedingten Anteil ausländischer Zulieferungen in Exportgeschäften muss der Bund schon heute Rechnung tragen. Nachweisbar ist eine nachhaltige Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands ohne globale Wertschöpfungsstrukturen nicht möglich. Vor allem Generalunternehmer,  Systemlieferanten und zunehmend auch Anbieter von Produkten und Dienstleistungen müssen auf ein Absicherungsinstrument bauen können, welches eine flexible Einbindung von internationalen hocheffizienten und spezialisierten Wertschöpfungsketten ermöglicht und zulässt. Diese sind vielfach Voraussetzung zur Erfüllung ambitionierter Kundenanforderungen. Unsere Kunden verlangen neben modernsten Technologien, höchster Leistungsfähigkeit und attraktivem Preisniveau darüber hinaus selbstbewusst die Einbindung definierter lokaler Lieferanteile und Zulieferstrukturen.

Der unbegründeten Sorge von Teilen der Öffentlichkeit und der Politik, dass durch zunehmende Einbindung ausländischer Lieferanteile bei  deutschen Exportgeschäften Arbeitsplätze in Deutschland verloren gehen würden, wird durch die vom BDI im Auftrag gegebene IW-Studie „Globale Kräfteverschiebung“ wiederlegt. Das Gegenteil ist der Fall: Gerade durch die zunehmende Einbeziehung ausländischer Lieferanteile gelang es  der deutschen Exportwirtschaft mehr Aufträge zu gewinnen. Dies hat in den vergangenen Jahren dazu geführt zusätzliche neue Arbeitsplätze in Deutschland zu schaffen. Bei Beibehaltung des derzeitigen Regelwerks im Hermesinstrument, das Höchstgrenzen für ausländische Zulieferungen in deutschen Exporten vorsieht, droht das Abwürgen dieses wichtigen Arbeitsplatzmotors in Deutschland.

Ansatzpunkte für die Verbesserung unserer Exportförderinstrumentarien zur Erhaltung und Stärkung der Exportnation Deutschland gibt es also zu genüge. Die Anpassung im Bereich des Anteils ausländischer Zulieferungen und lokaler Kosten sind hierbei ebenso Kernanliegen der deutschen Industrie, wie die Verfügbarkeit flankierender attraktiver Finanzierungsinstrumente.

Es ist höchste Zeit, dass sich Deutschland für die Zukunft rüstet und sich den Herausforderungen stellt.  Nur dadurch können wir an der bemerkenswerten wirtschaftlichen Entwicklung in unseren Märkten positiv partizipieren.

Der Ball liegt im Spielfeld der Politik. Dies kann aber nur durch einen Paradigmenwechsel Seitens der Bundesregierung geschehen, die in Zeiten einer sich schnell verändernden Welt pro-aktiv agieren muss. Unserem nach wie vor guten Ruf als weltweit verlässlicher Partner wird dies mit Sicherheit nur dienlich sein.