Plattformen werden das Geschäftsmodell der Industrie in 2030

Zukunftsforscher sind wie Wahrsager: Sie wissen heute schon, was in wenigen Jahren unser Leben beherrschen wird. Ihre Vorhersagen beruhen auf exakter Marktbeobachtung, Analysen und Wissen über die neueste Technologie. Was die Zukunft für die Industrie bringt, darüber spricht Christian Gülpen, Bereichsleiter Digitalisierung/Industrie 4.0 und Mitarbeiter am Lehrstuhl für Technologie- und Innovationsmanagement (TIM) an der RWTH Aachen, auf vielen Kongressen. Uns gibt er einen Einblick in die neuen Geschäftsmodelle, die es in der Industrie braucht.

Die Informationstechnik verdoppelt sich seit Jahrzehnten alle 18 bis 24 Monate. Wozu befähigt uns das oder behindert es uns sogar in der industriellen Entwicklung?

Das sind zwei Komponenten: die Verdoppelung der CPU-Kapazitäten und günstige Rechenkapazitäten. Wir können dadurch heute sehr vieles tun, was uns früher wie Science-Fiction vorkam, etwa in einem selbst fahrenden Auto wie dem KITT aus Knight Rider zu fahren. Damals dachten wir, so würde niemals ein Auto mit mir reden usw. Aber mein Navigationsgerät gibt mir schon lange (gesprochene) Routenempfehlungen und das selbst fahrende Google-Auto gibt es auch schon.

Was heißt das für die Industrie?

Auch in der Produktionsvernetzung und Automation werden auf einmal Dinge möglich, die früher nicht möglich waren. Insbesondere im Bereich Vernetzung sowohl horizontaler als auch vertikaler Wertschöpfungsketten. Und es wird möglich, neue Lebenszyklusbetrachtungen anzustellen. Dank Predictive Maintenance werden wir wissen, wann sich ein Produkt seinem Lebenszyklusende nähert. Sobald also der Chip im Sportschuh signalisiert, dass seine Dämpfungseigenschaften ungenügend sind, kann uns der Hersteller einen neuen Schuh anbieten. So entstehen neue Dienstleistungen um Produkte, etwa der Aufruf zur Wartung eines Autos oder eines Zusatzservices. Die verlängerte Lebensdauer können Sie dann als Upgrade zusätzlich verkaufen. Und es wird möglich, Prozesse zwischen Partnerunternehmen und Standorten teils wesentlich zu optimieren.

Wir stehen inmitten der disruptiven Innovation. Bestehende Technologien oder Produkte werden also zunehmend durch neue verdrängt. Welche Auswirkungen hat das Ihrer Meinung nach auf unser Leben?

Wir beobachten bei Maschinen- und Anlagenbauern derzeit eine sehr reale Zurückhaltung bei der Einführung neuer Maschinen. Hatte die typische Maschine bisher eine Lebenszeit von 20 oder 30 Jahren, kann sie jetzt schon zwei Jahre später per WLAN kommunizieren und vieles mehr. Jeder Wechsel zu einer neuen Maschine aber kostet Millionen. Es wird also im Produktionsumfeld weiterhin den Kostenzwang geben, eine Maschine nach der Anschaffung auch eine Weile zu betreiben. Es sei denn, wir schaffen modulare Maschinen, die regelmäßig aufgerüstet werden können. Das aber benötigt offene, verbindliche Standards. In puncto Verdrängung muss man aber auch sehen, dass sich Produkte in einer S-Kurve entwickeln. Neue Technologien sind den etablierten häufig zunächst unterlegen, reifen aber mit der Zeit und können die etablierten dann verdrängen und zum neuen Standard werden. Solche Entwicklungen in ihrer Frühphase zu unterschätzen, kann später zu erheblichen Nachteilen führen. Konstantes, systematisches Technologie-Monitoring ist also ein entscheidender Faktor.

Durch Digitalisierung wird zunehmend jedermann Zugriff auf die Produktionstechnik haben und diese beherrschen. Wie wirkt sich das auf die Industrie aus?

Zunächst werden immer mehr Leute an der Produktentwicklung mitwirken können. Sie sind eine Art Schwarmintelligenz, die zusammen immer komplexere Lösungen für bestehende Probleme baut. Unternehmen können dies gerade im Bereich Research and Development nutzen, um an sehr viele neue schlaue Köpfe zu kommen, die etwas ausprobieren, durch das Internet ihre Tätigkeit publik machen und dann angeworben werden können. Die Industrie kann aber auch im Internet neue Märkte oder neue Lösungen für bestehende Probleme finden. Sie muss nur aufpassen, dass sie Entwicklungen nicht vernachlässigt, bis es zu spät ist, bis die Technologie nämlich durch immer neue Iterationsstufen immer besser geworden ist und der traditionellen Industrie immer mehr Märkte abgenommen hat. Das finden wir in der Geschichte immer wieder.

Wie gefährlich oder nützlich ist diese neue Schwarmintelligenz?

Die Industrie muss erkennen, wo sich möglicherweise neue Wettbewerber entwickeln, bevor das etablierte Geschäftsmodell in Disruption gerät. Man muss frühzeitig über neue Trends nachdenken und diese auf die nächsten Jahre projizieren. Wir sehen aber, dass zwar zunehmend an neuen digitalen Produktverbesserungen und Prozessoptimierungen gearbeitet wird, die Entwicklung ganz neuer, disruptiver Geschäftsmodelle durch Digitalisierung aber häufig nicht ernst genug genommen und vernachlässigt wird, insbesondere im Mittelstand. Dabei gibt es Prozesse und Methoden, die bei systematischer Geschäftsmodell-Innovation unterstützen.

Wie könnten solche radikal neuen Geschäftsmodelle aussehen?

Industrie 4.0 beschäftigt sich im Rahmen des Internets der Dinge mit der horizontalen und vertikalen Kette in der industriellen Produktion. Ein Consumer-Güter produzierendes Unternehmen kann beispielsweise mit der Augmentierung eines seiner Produkte durch Sensoren während dessen Nutzung Daten erheben und daraus Dienstleistungen („Smart Services“) entwickeln und seinen Kunden anbieten. Es kann beispielsweise auch zum Betreiber einer Plattform werden, auf der Produkte oder Daten von unterschiedlichen Anbietern – oder auch Nutzern – ausgetauscht werden. Das ist für diesen Anbieter etwas radikal Neues. Plattformen werden als ganz zentrales Muster und häufig als die besten disruptiven Geschäftsideen in Erscheinung treten. Denn Plattformen gewinnen eigentlich immer gegenüber Produkten. Die Plattformen wiederum sammeln als Teil ihres Geschäftsmodells häufig Daten über ihre Kunden und kennen bald deren Einkaufsverhalten. Daraus lassen sich Empfehlungen ableiten, die Lagerhaltung kann optimiert, neue Produkte können entwickelt werden und so weiter. Doch noch immer arbeitet die Industrie meist lösungsgetrieben und nicht nach den Bedürfnissen der Kunden. Da bieten sich der Industrie mannigfaltige Chancen. Entscheidend ist, sich über solche neuen Geschäftsmodelle rechtzeitig Gedanken zu machen und an deren Entwicklung genauso sorgfältig heranzugehen wie an die Entwicklung neuer Produkte.

Wie erkennt die Industrie denn neue Märkte?

Für die Ermittlung von Kundenbedürfnissen als Grundlage der Entwicklungsarbeit gibt es Methoden. Eine bewährte Methode ist die „Outcome Driven Innovation“, bei der es um das Ursprungsbedürfnis des Kunden, das ungelöste Problem, den Job, den ein Produkt für den Kunden erledigt, geht. Über die digital unterstützte Lebenszyklusbetrachtung wird es zudem möglich, wesentlich intensiveres Wissen über die tatsächliche Produktnutzung und damit über neue, bisher nicht bekannte Kundenbedürfnisse – und damit Geschäfts-Chancen – zu erhalten.

Welchen Stellenwert wird aufgrund dieser Entwicklungen die Industrie in unserem Leben in Zukunft überhaupt noch einnehmen?

Zunächst wird sie noch einen sehr hohen Stellenwert haben, denn neue Technologien wie der 3D-Druck werden zwar allgemein erschwinglich, noch sind wir aber weit davon entfernt, dass sich jeder sein Handy zu Hause von Grund auf selbst bauen kann. Aber sicherlich wird sich die Technologie weiterentwickeln und dann können auch Unternehmen innerhalb der Industrie, insbesondere im Zulieferermarkt, in Bedrängnis kommen, wenn ein Unternehmen etwa solche speziellen Formteile, die bisher von einem Zulieferer bezogen wurden, etwa mit Metall-3D-Druck auch im eigenen Werk gefertigt werden kann. Dann hat der Zulieferer ein Problem. Mit dieser Perspektive sollte er sich frühzeitig beschäftigen.

Wie müsste die Geschäftslogik aussehen, um den Entwicklungen standhalten zu können?

Es werden mehr Agilität, weniger starre Prozesse notwendig sein. Wir brauchen kleine Iterationsschritte, Design Thinking. Man muss sich ansehen, wie Dinge wirklich sein müssen und was die Kunden damit machen. Der Markt muss dazu in schnelleren Entwicklungszyklen denken, was häufig nicht der Fall ist. Schließlich kennt man ja seinen Markt. Und dann disruptiert der Markt in zwei Jahren, ohne dass es jemand mitbekommen hat. Hilfreich sind hier beispielsweise Methoden wie die Netnography, bei der Internetquellen wie Foren nach bestimmten Schlagwörtern durchsucht werden, um die am meisten besprochenen Probleme oder Lösungsansätze zu finden. Ganz zentral ist auch, über zusätzliche Services zum Produkt nachzudenken – denn in vielen Fällen wird das physische Produkt zukünftig vor allem „Träger“ für den Service als eigentlichen Mehrwert sein.

Wird sich da eine neue Dienstleister-Gesellschaft herausbilden?

Es entstehen im Zuge der Digitalisierung schon seit Jahren neue Dienstleistungen. Ich halte es für entscheidend, dass auch produzierende Unternehmen die enormen Potenziale erkennen, die in der Entwicklung ergänzender Service-Angebote liegen. Denn ein etabliertes Unternehmen hat meistens ganz andere Möglichkeiten, solche Dienste zu entwickeln, als ein kleines Start-up. Gerade weil das aber häufig nicht geschieht, gibt es diese erfolgreichen Start-ups, die in Märkten gutes Geld verdienen, in denen auch etablierte Unternehmen tätig werden könnten. Das soll nicht heißen, dass die produzierende Industrie nun in allen möglichen Branchen hastig neue Geschäftsfelder suchen sollte. Aber wer frühzeitig erkennt, welche Chancen darin stecken, physische Produkte mit smarten Dienstleistungen zu verbinden, wird es in Zukunft tendenziell leichter haben.

Welche technischen, ökonomischen und sozialen Brüche sind Ihrer Meinung nach bis 2030 zu erwarten?

Wir werden mehr Plattformen haben, es wird mehr Digitalisierung geben und mehr Bereiche funktionieren automatisch. Dadurch werden Probleme gelöst. Plattformen werden genaue Kundenvorhersagen treffen können. Dieses Wissen kann für die produzierende Industrie sehr wertvoll sein. Das unternehmerische Risiko wird sich aber auch in Teilen auf die Arbeitnehmer verlagern, denn immer mehr Freelancer werden ihre Arbeit per Klick oder per geliefertem Produkt anbieten. Das macht sie vergleichbar und es besteht das reale Risiko, dass viele Low-End-Jobs verloren gehen, weil sie durch Maschinen ersetzt werden, sobald die Robotermaschinenstunde billiger als die Menschenstunde ist. Das ist im Moment noch nicht der Fall, aber bis 2030 könnte es sich annähern. Auch im demografischen Wandel lösen sich Probleme, wenn ältere Experten durch Maschinen weiter am Produktionsprozess teilhaben und trotz schlechter Sehkraft etc. arbeiten können. In der Ausbildung wird außerdem die digitale Kompetenz eine wichtige Rolle spielen, weil zum Verständnis der mechanischen, chemischen usw. Vorgänge der Produktion auch dasjenige für die Funktionsweise und Interaktion der Anlagen untereinander und mit dem Nutzer hinzukommt.

Wie sieht das Leben im Jahre 2030 Ihrer Meinung nach aus und welchen Anteil daran wird die Industrie haben?

Ich glaube, dass wir es nicht schaffen werden, den gläsernen Menschen zu verhindern. Solange Nutzer für sich einen Mehrwert in der Verwendung eines Dienstes sehen, werden sie häufig ihre Daten preisgeben, auch, weil oft das Verständnis für deren ökonomischen Wert fehlt. Dadurch entstehen immer präzisere Modelle und Kenntnisse über Bedürfnisse und Präferenzen. Man kann mehr Inhalte analysieren. Das ist per se nichts Schlechtes, denn es erlaubt die Entwicklung von Angeboten, die besser als bisher die Bedürfnisse der Menschen befriedigen. Allerdings ist die Gefahr nicht unerheblich, dass dadurch auch eine – reale oder auch nur wahrgenommene – Beeinflussung entsteht. Unternehmen sollten sich also Gedanken darüber machen, wie neue digitale Dienstleistungen nicht nur ökonomisch sinnvoll, sondern auch transparent und fair konzipiert werden können, um langfristig das Vertrauen ihrer Kunden in die Angebote – und damit die Akzeptanz – sicherzustellen. Außerdem sollten Unternehmen nun schnell handeln: Denn wer nicht Betreiber, sondern „nur“ Anbieter auf einer Plattform ist, kann, bei Erfolg der Plattform, in Abhängigkeit von den Vorgaben des Betreibers geraten. Andersherum kann es aber auch sehr profitabel sein, lediglich ein bestimmtes Angebot auf einer Plattform zu platzieren, anstatt mit hohem Aufwand selbst eine Plattform zu etablieren. Deshalb müssen sich Unternehmen nicht nur frühzeitig mit neuen Trends auseinandersetzen, sondern auch systematisch erarbeiten, wo wirklich ein vielversprechendes Geschäftsmodell liegt und wie dieses genau gestaltet sein sollte.

Vielen Dank für das interessante Gespräch, Herr Gülpen!